Ich treffe am Ben Gurion Flughafen in Tel Aviv dreieinhalb Stunden vor Abflug ein. Es ist das Ende meiner Weltreise. Ein Jahr ist vorbei. Mit Air Baltic geht es für 113 Euro nach Hause. Wie nett von den israelischen Sicherheitskräften mir ein gewaltiges Finale meiner Reise zu bieten!
Die Einreise in Israel war erstaunlicherweise problemlos und ich wurde auf der Staatssicherheitsskala (oder Terroristenverdachtsskala) von eins bis sechs als „Nummer zwei“ eingestuft. Wobei in diesem System Bin Laden eine sechs bekommen hätte und ein kleines jüdisches Mädchen eine eins bekommt.
Für meine Ausreise erwartete ich als „Nummer zwei“ also keine Probleme. Was sollte Israel dagegen haben, wenn ich ihr Land verlassen möchte?
- Eine ganze Menge, wie sich rausstellt..
1. Station - Passkontrolle
Bei dem Billigflieger muss mein 30L Rucksack ins Handgepäck daher schmeiße ich gefährlichen Gegenstände, wie mein Taschenmesser und meine Wasserflasche vor dem Flughafen in den Mülleimer. Hinter der Einganstür des Flughafens wird man von einer Frau begrüßt. Sie schaut kurz in den Pass und schickt die Leute dann in eine Reihe der Sicherheitskontrolle. Mein vorläufiger Pass gefällt ihr jedoch nicht: „Wo ist ihr richtiger Pass?“ fragt sie.
„Er ist in meinem Rucksack und fast voll, wenn ich ihn dir gebe und du alle 50 Stempel darin siehst, wirst du mich zum Verhör eingeladen.“ Denke ich mir und sage:
„Der wurde mir geklaut“.
Und so schnell ist meine „Nummer Zwei“, die noch auf der Rückseite meines vorläufigen Passes klebt, bedeutungslos. Ich bin anscheinend potenzieller Terrorist und darf mich nicht, wie alle anderen, zum Sicherheitscheck und dann zum Check-In Schalter anstellen. Die Frau verschwindet mit meinem Pass und bittet mich nach 15 Minuten Wartezeit ihr zu folgen.
Zweite Station – Fast wie ein Date
Ich werde zu einer anderen Frau gebracht. Sie steht hinter einem Tisch. Zwischen uns wird mein Rucksack gelegt. Die Frau ist nicht viel älter als ich, sehr hübsch und stellt viele Fragen. Wenn man von der Tatsache absehen würde, dass unser Gespräch sehr einseitig verläuft; sie stellt die Fragen und ich liefere die Antworten; könnte das Gespräch so ähnlich auch in einer Bar bei einem Gläschen Wein stattfinden. Immerhin ist die Dame sehr interessiert an meinem Leben. In der Bar wäre das ein sehr gutes Zeichen. Irgendwann kommen sogar sehr intime Fragen und in der Bar wäre es spätestens jetzt Zeit für einen Kuss. Wir befinden uns jedoch leider am Flughafen und mein Date fordert Verstärkung an. Es kommt eine weitere Frau hinzu. Etwas älter, aber nicht weniger attraktiv. Das wäre jetzt der Jackpot in jeder Bar, denke ich mir während die neue Frau das Kommando übernimmt.
3. Station – Wo ich meine Unterhosen wasche
Die meisten Fragen wiederholen sich. Aber es sind auch neue Fragenspiele dabei:
Das ist Ihr Rucksack?
Ja
Wo ist Ihr anderes Gepäck?
Das ist alles was ich habe.
Sie können doch nicht mit diesem kleinen Rucksack um die Welt reisen?!
Ich habe alles da drin was ich brauche. Perfektion ist nicht, wenn man nichts mehr hinzuzufügen hat, sondern wenn es nichts mehr gibt, was man noch wegnehmen könnte.
Wo ist ihre Kleidung?
Im Rucksack, ich muss halt alle drei Tage waschen.
Wo haben Sie das letzte Mal gewaschen?
In Jordanien
Wo?
In Amman
Laut ihrem Pass sind Sie aber bereits seit über drei Tagen in Israel.
Dann ist es vier Tage her, dass ich meine Sachen gewaschen habe.
Wo?
In einem Hostel
Wie heißt das Hostel
Cliff Hostel
Haben Sie Ihre Wäsche da selbst gewaschen?
Ja
Wo?
Im Waschbecken
Sie ganz alleine?
Ja, dass schaffe ich ganz alleine.
Die Dame zieht sich nach weiteren 233 Fragen zurück, um sich mit meinem ersten Date auszutauschen. Kurz darauf geht es weiter:
Sie waren in Ägypten, was haben sie dort gemacht?
Durchgereist
Wo haben sie geschlafen?
Zwei Nächte im Bus und eine Nacht im Hostel
Wie? im Bus?
Ja, ich bin über Nacht gefahren weil ich nicht mehr viel Zeit hatte um meinen Flug von Tel Aviv nach Deutschland zu bekommen.
Wo waren Sie im Hostel?
In Dahab
Name?
Ähh.. Pinguin.
Pinguin..aha, und in Kairo haben sie nicht übernachtet?
Nein, dort war ich nur tagsüber.
Ist es nicht gefährlich dort? Wie konnten sie dort hinfahren wo es so viele Probleme gibt?
Pass mal auf – wenn man den Medien glauben würde regnet es in Israel täglich Bomben! Nur weil ein paar Ägypter die israelische Botschaft gestürmt haben, heißt es noch lange nicht, dass die Stadt gefährlich ist! – All dies denke ich mir während ich folgendes sage:
Nein! Außerdem habe ich einen Freund dort.
In den Augen der Damen sehe ich, dass mich der Satz „Freund in Ägypten“ nun endgültig als Terrorist entlarvt.
Wen? Wie heißt er? Was macht er? Wieso? Warum? Und überhaupt? Wusste er dass sie nach Israel fahren werden?
Ja.
Was sagt er zu den Ereignissen mit der Israelischen Botschaft?
Nichts.
Wieder beraten sich die zwei Damen. Dann wird wieder Verstärkung gerufen. Ein Mann erscheint und hält mir seine umgehängte Karte für 32 Millisekunden vor die Nase. Ich erkenne das Wort „Manager“. Was er managed konnte ich nicht sehen.
4. Station – der Manager
Das Spiel beginnt von vorne. Ähnliche Fragen über meinen Pass, mein Leben, Palästina, Sudan und 100 weitere Themen. Mittlerweile habe ich meinen zweiten Pass ausgepackt, da mir nun klar war, dass ich sowieso komplett durchsucht werden würde.
Warum habe sie uns angelogen bezüglich ihres Passes?
Weil ich wusste sie würden dann viele Fragen stellen.
Richtig gedacht.
Während ich beim Verhör der beiden Frauen manchmal sogar ansatzweise meinte, ein Lächeln zu sehen, kann ich bei dem „Manager“ nicht mal mehr einen Satz zu Ende bringen. Er unterbricht mich jedes Mal mit einer neuen Frage. Wenn ihm zum aktuellen Thema keine neue Frage mehr einfällt, bevor ich meinen Satz beenden kann, kommt zur Not auch das Wetter mal als Thema. Hauptsache ist, er kann mich unterbrechen. In seinem Gesicht ist zu erkennen, dass er sich 99,93% sicher ist, ich würde gleich den Flughafen in die Luft sprengen oder zumindest mit einer Palästinenserin eine Beziehung führen. Man weiß nicht, was für ihn schlimmer wäre.
Nach gefühlten 1000 Fragen wird der Chef des Sicherheitsdienstes angefordert. Langsam mache ich mir Sorgen.
5. Station – Der Sicherheitschef
Er scheint sehr wichtig zu sein. Jedenfalls ist sein Anzug mindestens 100-mal teurer als der gesamte Inhalt meines Rucksackes. Immerhin scheint er etwas mehr Respekt vor Terroristen zu haben. Ich darf ihm zum dritten Mal meine Lebensgeschichte erzählen aber diesmal sogar aussprechen. Er scheint viel Zeit mitgebracht zu haben. Es sind noch 30 Minuten bis der Check In Schalter für meine Maschine nach Deutschland zu macht.
Ein paar Meter weiter höre ich Fetzen von einem weiteren Verhör eines anderen Deutschen. Er scheint Journalist zu sein und die israelischen Beamten schauen sich gemütlich die Fotos auf seiner Digitalkamera an. Ich frage mich ob das nicht die Privatsphäre ein wenig überschreitet. Der Deutsche hatte wohl behauptet nicht in palästinensischen Gebieten gewesen zu sein. Die Fotos entlarven ihn aber und so wird er an diesem Tag seinen Flieger verpassen.
Ich hingegen habe noch Hoffnung, denn nun beginnen drei Männer mit weißen Handschuhen meinen Rucksack auseinander zu nehmen. Bis ins letzte Detail wird jeder Dreckklumpen, der sich bei 12 Monaten Weltreise angesammelt hat, durchsucht. Auch ich werde bis ins letzte Detail untersucht. Immerhin darf ich die Unterhose anbehalten.
Vier äußerst gefährliche Gegenstände werden gefunden:
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Zeltstangen
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Feuerzeug
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Laptop
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Schokoladenkekse
Station Sechs – Check in
Ich bin der letzte, der in Begleitung der Sicherheitsleute zum Flug eincheckt. Vier Minuten, nachdem der Schalter schon zu machen sollte. Mir wird erklärt, dass ich fliegen darf aber die gefährlichen Gegenstände nicht mit mir ins Handgepäck können. Meine Schokoladenkekse, die ich als Abendbrot essen wollte (bei den Billigfliegern bekommt man ja nichts zu essen), zusammen mit Feuerzeug und Zeltstangen werden in eine Box verpackt und eingecheckt. Immerhin muss ich dafür nichts extra zahlen, nur später hungern. Mir wird erklärt, dass mein Laptop in Israel bleiben muss. Man könne mir aus Sicherheitsgründen nicht erklären wieso, aber er darf auf keinen Fall im gleichen Flugzeug fliegen wie ich. Er würde zu mir nach Hause geschickt werden, mit der nächsten Maschine. Vor meinen Augen wir der Computer in eine Box verpackt, versiegelt und ich darf meine Adresse und Unterschrift draufsetzen. Zeit zum Protest bleibt keine, die Fluggäste meines Fluges werden bereits zum Einstieg gebeten. Mir wird versichert, dass mein Computer versiegelt zu mir nach Hause gelangt und ich werde zum Gate begleitet. Als einer der letzten steige ich ein.
Nachspiel – Mein Laptop
Zurück in Deutschland hatte ich mir überlegt, wieso ich nicht mit dem Rechner fliegen durfte und entwickelte folgende Theorie:
Da ich eindeutig Terrorist war, nur am Flughafen ausreichende Beweise fehlten, wurde in meinem Computer eine Bombe vermutet. Sie konnten den Laptop aber nicht 100% überprüfen ohne ihn aufzuschrauben. Das ist nicht erlaubt. Also musste der Computer zurück bleiben. Er hätte ja per Zeitsteuerung während des Fluges explodieren können oder ich hätte den Fernzünder in meinen Schokoladenkeksen betätigen können. Denn auch die Kekse konnten sie nicht einfach überprüfen, ohne die Verpackung aufzureißen.
Alles Blödsinn. Nach sechs Tagen trifft mein Laptop in Berlin ein. In einer anderen Box, ohne meine Unterschrift und ohne Siegel. Der Laptop wurde nur halbherzig wieder zusammengeschraubt, die Tastatur hängt halb heraus. Als ich den Computer starte, muss Windows sich erstmal zehn Minuten wieder herstellen. Dann scheint alles zu funktionieren. Nur mein Antivirenprogramm ist deaktiviert, ebenso die Firewall. Der Akku war voll, als ich den Laptop abgeben musste. Jetzt besitzt er noch 15%. Mit einer Akkulaufzeit von über sieben Stunden, haben sie mindestens vier oder fünf Stunden über meinen Laptop Programme laufen lassen und wahrscheinlich eine komplette Kopie allen Inhalts angefertigt. Das Antivirusprogramm findet eine verdächtige Datei. Vielleicht ein Trojaner aus Israel, vielleicht aber auch nur ein Virus, den ich mir in Uganda eingefangen habe. Wer weiß?
Im Internet erfahre ich, dass ich mich glücklich schätzen darf, meinen Laptop wieder zu haben. Andere hatten weniger Glück weil sie Informationen, Texte oder Bilder von Gaza, Palästina oder Ähnlichem auf der Festplatte hatten. In Zukunft sollte ich es wohl vermeiden Artikel über die Unabhängigkeitskämpfe der Palästinenser auf meinem Laptop zu lesen oder größere Mengen an Düngemittel über das Internet zu bestellen..
Am Frankfurter Flughafen, vor fast genau einem Jahr, wollte man mich nicht los fliegen lassen. In Israel wollte man mich nun nicht nach Deutschland zurückfliegen lassen. Ein guter Start, braucht auch ein gutes Ende:
Daher danke ich dem Sicherheitspersonal des Ben Gurion International Airport für ein grandioses Finale meiner Weltreise!